Die Schritte auf dem lackierten Holzfussboden hoert man kaum. Die Strassenschuhe
sind in helle UEberschuhe aus Leinen eingebunden. Der Boden soll vor Abnutzung
und Beschaedigung geschuetzt werden. Die Besucher schlurfen vom Erdgeschoss
des in einem Park gelegenen Wohnhauses ueber eine Treppe ins obere Stockwerk
und gelangen in einen grossen, hellen Salon. Ihr Blick faellt zunaechst auf
einen schwarzen Fluegel, auf Schreib- und Kartentische, Buecherschraenke und
Sitzecken. Viele grosse und kleine Fotografien und Bilder schmuecken die Waende.
Erinnerungsstuecke und andere Utensilien machen den Raum behaglich. An einem
der Fenster steht ein einfacher Holztisch. Wie die anderen Fenster gewaehrt
er einen Blick in den Garten mit seinen hohen Baeumen und dem dichten Pflanzenwuchs
am Boden. Der ehemalige Hausherr Peter Tschaikowsky waere von den ersten Maigloeckchen
entzueckt gewesen - es waren seine Lieblingsblumen, die er die "Zaren der
Blumen" nannte. Peter Tschaikowsky wohnte hier in den letzten anderthalb
Jahren seines Lebens, vom Fruehjahr 1892 bis zum Herbst 1893, als er am 19.
Oktober von Klin nach St. Petersburg fuhr, um dort am 28. Oktober seine 6. Sinfonie
uraufzufuehren. Neun Tage spaeter, am 6. November 1893, starb er dort an den
Folgen der Cholera. In der Umgebung von Klin hatte Tschaikowsky aber schon seit
1885 gewohnt: zunaechst auf dem Gut Majdanowo mit einem herrlichen Park, wo
die vielen Sommerfrischler ihn so stoerten, dass er auf das wunderbar gelegene
Gut Frolowskoje ein paar Kilometer suedlich von Klin zog und schliesslich in
das Haus am Stadtrand von Klin. Nur dieses letzte Haus ist erhalten geblieben.
Ganz anders als heute die Schritte andachtsvoller Besucher hatten vor zwei Generationen Soldatenstiefel in Tschaikowskys Salon geklungen. Auf ihrem Feldzug gegen Russland hatte sich hier die deutsche Wehrmacht einquartiert und das Anwesen als Motorradpark genutzt. Von der Stadt Klin, an deren Ortsrand es liegt, sind es nur etwa 90 km suedoestlich nach Moskau... Zum Glueck blieb der Schaden, den die ungebetenen Gaeste damals anrichteten, begrenzt. Das gesamte Inventar hatte man rechtzeitig hinter den Ural ausgelagert. Heute wirken die Raeume des Hauses so, als koennte der ehemalige Hausherr jeden Augenblick hereinkommen, sich an den Fluegel setzen (ein Geschenk der Petersburger Klavierfabrik Becker an den Komponisten 1885) und die Gaeste mit seiner Musik erfreuen.
Jedes Jahr am 7. Mai wird in Klin Tschaikowskys Geburtstag gefeiert. (Geboren worden war er im Jahr 1840 in Votkinsk, im Ural, wo sein Vater als Huettendirektor taetig war). Zu den Feiern kommen Persoenlichkeiten aus dem Moskauer Kulturleben, entfernte Verwandte und Freunde seiner Musik aus dem In- und Ausland zusammen und gedenken Tschaikowskys mit Vortraegen, Ausstellungen und Konzerten. Sein letztes Wohnhaus, ein fuer seine Zeit typischer herrschaftlicher Sommersitz ("Datscha") aus den 1870er Jahren, ist seit 1894 ein oeffentliches Museum, vom russischen Zentralstaat getragen. In dem in unmittelbarer Naehe gelegenen Neubau befinden sich das bedeutende Archiv mit zahlreichen wertvollen Musik- und Briefautographen, die Bibliothek und ein Konzertsaal.
Auch in diesem Jahr versammelte sich im frueheren Salon des Komponisten am 7. Mai ein ausgesuchter Kreis geladener Gaeste. Der Verlauf der Geburtstagsfeier hat seinen traditionellen Rahmen. Die Direktorin des Museums, Galina Belonowitsch, kennt ihre Gaeste. Verwandte des Komponisten geben dem Zusammensein fast den Charakter einer Familienfeier. Die gebrechliche alte Dame mit ihrem am Hinterkopf geknoteten Haar und den aufmerksamen Augen ist Tatjana Alexejewna Sebenzowa, eine Nachfahrin der Familie Dawydow - Tschaikowskys Schwester Alexandra war eine verehelichte Dawydowa. Einige Stuehle weiter entfernt sitzen regelmaessig die Brueder Lew und Georgij Dawydow, Soehne von Tschaikowskys Grossnichte Xenia Dawydowa, die bis zu ihrem Tode 1994 im Kliner Museum gearbeitet hat und wesentlich an dessen Publikationen wie den fuenfzehn Briefbaenden der alten Tschaikowsky-Gesamtausgabe beteiligt war. In der Person Tatjana Sebenzowas lebt auch die Verbindung der Familien Dawydow und von Meck fort. Anna Dawydowa, eine Nichte Tschaikowskys und Nikolaj von Meck, ein Sohn von Tschaikowskys Vertrauter und Goennerin Nadjeshda von Meck, waren ihre Grosseltern.
Nach der Begruessung durch die Direktorin ueberreichen die Gaeste der Direktorin ihre Geschenke. Die Geschenke sind fuer das Archiv des Museums bestimmt und von unterschiedlichster Art und Herkunft. Diesmal uebergibt beispielsweise ein Vertreter des Moskauer Stanislavski Theaters ein Theaterkostuem aus Auffuehrungen von Eugen Onegin aus den 20iger Jahren, Tatjana Sebenzowa schenkt zwei Fotos auf denen Tschaikowskys Schwester Alexandra mit ihrem Sohn Jurie Dawydow (er starb 1965 im Alter von fast 90 Jahren) abgebildet sind, ein Verehrer Tschaikowskys aus Frankfurt am Main hat Abbildungen von einem Ausflugsort bei Bad Soden mitgebracht, den Tschaikowsky waehren seines mehrwoechigen Aufenthaltes in diesem Kurort oefters aufsuchte. Der Kuenstlerreigen, der sich mit kurzen musikalischen Beitraegen aus Tschaikowskys Werk die Ehre gibt, ist prominent und erlesen, und regelmaessig sind Spitzenkraefte des Bolschoj-Theaters und Stanislavski-Theaters vertreten. Die diesjaehrige Geburtstagsfeier bekommt durch die Anwesenheit von Teilnehmern des alle vier Jahre in Moskau durchgefuehrten internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs eine besondere Bedeutung. Am Ende des Wettbewerbs im Juni wird der Preistraeger im Salon des ehemaligen Hausherrn vor Ehrengaesten ein Konzert geben.
Die Geburtstagsfeier in Tschaikowskys Salon beginnt nachmittags um vier Uhr und dauert etwa eineinhalb Stunden. Zuvor werden am Denkmal neben den alten Markgebaeuden in Klin Blumen niedergelegt. Die Gastgeberin Galina Belonowitsch muss auf die Einhaltung des Zeitrahmens achten. Denn um 18.00 Uhr wird das Fest im grossen Konzertsaal des Neubaus fortgesetzt. Dort findet ein oeffentliches Konzert statt, das im wesentlichen von denselben Kuenstlern bestritten wird, die zuvor in Tschaikowskys Salon musiziert hatten.
Das Museum in Klin braucht Hilfe. Die Kosten fuer Pflege und Unterhalt des Museums mit seinen zwei Gebaeuden und dem Park, der Bibliothek und des umfangreichen Archivs mit seinen festen Miterbeitern sind hoch und koennen von dem schmalen staatlichen Budget, das vom Kultusministerium der Russischen Foerderation genehmigt wird, nur zum Teil gedeckt werden. Daher bilden Eintrittsgelder und Spenden von Besuchern des Museums eine zusaetzliche wichtige Einnahmequelle. In Deutschland versucht die gemeinnuetzige, in Tschaikowskys 100. Todesjahr 1993 gegruendete internationale Tschaikowsky-Gesellschaft e.V. diese Hilfe zu koordinieren. Die Gesellschaft hat sich der Pflege des musikalischen und literarischen Nachlasses Tschaikowskys verschrieben und leistet vor allem wissenschaftliche Arbeit. Die Gesellschaft ist stolz darauf, Claudio Abbado und Michail Pletnev zu ihren Ehrenmitgliedern zu zaehlen. Interessenten, die die Arbeit der Gesellschaft und das Museum in Klin unterstuetzen wollen oder die einen Besuch in Klin planen, koennen sich gern an das geschaeftsfuehrende Vorstandsmitglied Prof. Dr. Thomas Kohlhase und andere Mitglieder der Gesellschaft wenden: Schulberg 2, 72070 Tuebingen; e-mail: tschaikowsky-gesellschaft@t-online.de;
Wolfgang Glaab, 12. Mai 2002
(Fotos vom Wohnhaus, der Veranstaltung, von Tschaikowsky u.a.m. koennen zur
Verfuegung gestellt werden)